Thomas Tunsch: Mit einer Gedächtnisorganisation in die Zukunft: Museum und digitale Geisteswissenschaften

Gastvortrag auf Einladung der Fachschaft für Kunstgeschichte der Friedrich-Schiller-Universität Jena

Präsentation (deutsch): slideshare.net/Tunsch/museum-unddigitalegeisteswissenschaften

Stichwörter: collaboration, digitalisierung, digitale geisteswissenschaften, forschung, islamische kunst, kulturerbe, museum, open data, open definition, semantic web, standards, vernetzung, web 2.0, wikidata, wikipedia

Vorstellung[edit | edit source]

  • Museum für Islamische Kunst
  • Digitale Geisteswissenschaften

Siehe auch: ORCID 0000-0003-1644-8777

Gedächtnisorganisation Museum[edit | edit source]

  • Ein nichtmuseales Kulturprojekt …
    • Wir wollen ein Kulturprojekt neuen Typs: Wir möchten nicht museal arbeiten, die Sammlungsgegenstände sollen vielmehr der Anlass für eine interdisziplinäre Herangehensweise sein. (Monika Grütters zum Humboldt-Forum: „Wir wollen ein Kulturprojekt neuen Typs“. Berliner Zeitung, 7.9.2017)
    • Kulturprojekt neuen Typs?
      • 2 Museen (Ethnologisches Museum und Museum für Asiatische Kunst) ohne Dauerausstellung
      • Trennung der Forschung von kontinuierlicher Sammlungs- und Bestandspflege
  • Gedächtnisorganisation Museum
  • Intrinsische und extrinsische Daten
    • Intrinsisch
      • durch Beobachtung vom Objekt direkt ablesbar
      • z.B.: Maße
    • Extrinsisch
      • dem Objekt hinzugefügt
      • gewonnen durch Bericht, Beobachtung, verlässliche Quellen
      • Ereignisse, Umstände, Zugehörigkeiten, Gebrauch usw.
      • z.B.:
        • Beschreibung
        • Datierung
        • Funktion
        • Herstellung, Hersteller
      • Voraussetzungen:
        • Ausgangswissen
        • Forschungskontext
        • methodisches Wissen
  • Zuordnung von Objekten
    • meist nicht durch bereits vorhandene Herkunftsangaben, sondern
      • extrinsische Daten erheben und dokumentieren
      • Vergleich mit anderen Objekten anhand extrinsischer Daten
        • Grad der Übereinstimmung wird festgestellt
        • Interpretation
      • durch Zuordnung → neue extrinsische Daten (z.B. Klassifikation)
        • gleichzeitig quantitative und ggf. qualitative (z.B. neuer Typ) Erweiterung der Vergleichsmöglichkeiten
    • „Wissen ist das, was so anfällt, wenn man wissenschaftlich arbeitet.“

Information und Kommunikation Digital[edit | edit source]

  • Informationen über kulturelles Erbe
    • “It is useful to distinguish between
      • the past, what happened;
      • history, accounts of the past; and
      • heritage, which consists of those parts of the past that affect us in the present. […]
    • Histories are always multiple and incomplete […]
    • Included in our cultural, intellectual, and professional heritage are the historical narratives we know and we accept and which help shape our sense of identity.”
      • Buckland, M. K. (2006). Emanuel Goldberg and his knowledge machine information, invention, and political forces. New directions in information management. Westport, Conn: Libraries Unlimited, pp. 254, 255
  • Kulturelles Erbe • Gedächtnisorganisationen
    • Dynamik des kulturellen Erbes
      • Europäische Integration, Globalisierung, digitale Medien, Internet, Web 2.0/3.0/4.0 …
      • Immaterielles Kulturerbe
      • Verfügbarkeit (availability), Zugänglichkeit (accessibility), Teilhabe (participation), Verantwortlichkeit (accountability), Verlässlichkeit (reliability) oder Vertrauen (trust)
    • ↳ dynamische Gedächtnisorganisationen
  • Stephan Waetzoldt (1920-2008)
    • Generaldirektor der Staatlichen Museen Preußischer Kulturbesitz 1965-1983
      • „Museum und Datenverarbeitung: Zum Bericht der Arbeitsgruppe Museumsdokumentation“, Museumskunde 40/Heft 3 (1971), S. 121–124.
    • Elektronische Datenverarbeitung: nationaler Standard
      • betrifft deutsche Museen in ihrer Gesamtheit
      • Teil einer internationalen Gemeinschaft der Museen
    • Objektdokumentation in Datenbanken
      • = Gesamtinventar öffentlicher Kulturgüter
      • Bedeutung außerhalb der Museen und für die Lehre
      • Regelwerk mit Gesamt- und Zentralkatalogen (wie in Bibliotheken)
      • interdisziplinär und international
  • Kulturelles Erbe und Internet
    • Internet und Geschwindigkeit
    • neue Strukturen der Kommunikation
    • Verfügbarkeit und Strukturen verändern Forschung
    • Verfügbarkeit von Informationen
      • Veränderungen der Verfügbarkeit von Informationen durch das Internet
        • Geschwindigkeit der Datenübertragung
        • weltweite Ausdehnung
      • ↳ neue Qualitäten der Verarbeitung und der Vernetzung von Informationen
    • Strukturen: Fußnoten → Hyperlinks
      • Beispiel: Fußnoten → Hyperlinks
        • sofortiger Aufruf statt Beschaffung der Verweisziele
        • Aufhebung der Linearität von Texten
        • neu: automatische Rückverweise (z.B. Blogs, Wikis)
        • ↳ neue Möglichkeiten der Analyse von Beziehungen wissenschaftlicher Texte zu anderen Werken (z.B. Zitationsanalyse)
        • ↳ Abbildung komplexer Informationsstrukturen und Informationsbeziehungen
      • neue Strukturen → neue Methoden
    • Folgen
      • Veränderungen der Publikations- und Zitierformen
      • beschleunigte Zyklen: Informationsbeschaffung – Verarbeitung – Publikation
      • Vergleichbarkeit und Verständigung über engere Fachgebiete hinaus mit Hilfe fachübergreifender Standards
      • Erweiterung fachbezogener Netzwerke und ihrer Verknüpfung mit anderen
      • ↳ Digital Humanities (Digitale Geisteswissenschaften)

Geisteswissenschaften Digital[edit | edit source]

Wissensorganisation: Experten und Generalisten, Kollaboration & vernetzte Arbeitsgemeinschaften, Museen und Wikis[edit | edit source]

  • Experten und ihre Kommunikation
    • „es ist ein amüsanter Gedanke, daß der Krönungsmantel Rogers II. von Sizilien und andere Habsburger Regalien, wäre Wien 1529 gefallen, jetzt das Topkapi Serail zieren würden statt die Hofburg.“
    • Fakten
      • Mantel inschriftlich 1133/1134 datiert
      • Krönung Rogers II. am 25. Dezember 1130
      • Krönungsornat 1529 nicht in Wien, sondern in Nürnberg
  • Kommunikation mit Generalisten
    • An expert is someone who has made all the mistakes that can be made, but in a very narrow field. (Niels Bohr)
  • Hierarchie – Vernetzung – Knoten
    • Radiotheorie von Bertold Brecht (1927 … 1932)
      • Rundfunk: von Distribution zur Kommunikation
      • Sender: empfängt auch, Zuhörer kann auch sprechen (senden)
      • Rundfunk und Hörer werden zu Lieferanten
      • vgl. Radiotheorie
    • beidseitige Kommunikation
      • Kollaboration als Lösung aus der Hierarchie
  • Kooperation und Kollaboration (Begriffe)
  • Kooperation und Kollaboration (Unterschiede)
    • Kooperation
      • informell
      • oft keine Definition gemeinsamer Ziele
      • kein gemeinsames Planen
      • Informationen werden dann geteilt, wenn notwendig
    • Kollaboration
      • Zusammen arbeiten
      • gemeinsame in Zusammenarbeit entwickelte Verpflichtungen und Ziele
      • Führung, Ressourcen, Risiken, Kontrolle und Ergebnisse werden geteilt
      • Es wird mehr vollbracht, als jeweils individuell erreicht werden könnte
  • Deutungshoheit
    • Muster der Deutungshoheit in Geistes- und Sozialwissenschaften
      • hoher Spezialisierungsgrad (Experten)
      • Publikationsverfahren als bekannter Ablauf (Start: Entwurf – Redaktion – Publikation: Ende)
    • Kollaboration als unbekannte Handlungsform (permanente Redaktion: reflexiv, prozessual, partizipativ; vgl. Iske/Marotzki)[1]
  • Vernetzen=Verstehen+Vertrauen
    • Verstehen (unterschiedliche Berufe/Fächer)
      • Begriffe
      • Methoden
    • Vertrauen
      • alle gehen von guten Absichten aus
      • Anerkennung durch Umfeld (Vorgesetzte, Kolleginnen und Kollegen)
  • Geisteswissenschaftliche Methoden
    • Hypertext ist …
      • … ein Text, der nicht auf Linearität beschränkt ist. Hypertext is text which is not constrained to be linear. (What is HyperText)
      • lineare Dokumente in Geistes- und Sozialwissenschaften (Buch, Artikel, …)
    • Vernetzte Arbeitsgemeinschaften (collaborative communities)
  • Digitale Geisteswissenschaften
  • TimeMapper & Wikipedia[2]

Semantisches Web: Wikidata, CIDOC-CRM[edit | edit source]

  • Wikidata: was bedeuten Daten?
    • Qualifizierte Links
      • Bezug zum RDF-Standard (Resource Description Framework): Subjekt – Prädikat – Objekt
      • Verbindung zu Ontologien
        • formale Beschreibung von Begriffen und Beziehungen
      • maschinelle Auswertung und Kontrolle
    • Beispiel
      • Wilhelm von Bode war Generaldirektor der Königlichen Museen zu Berlin
        • Bode: (Amts-)träger
        • Generaldirektor: Amt
        • Königl. Museen: Institution
  • CIDOC Conceptual Reference Model
  • Britisches Museum: ResearchSpace CIDOC-CRM + Wikidata[3]
  • Potential: Sprachbarrieren überwinden[4]
  • Personen in der Forschung[5]

Standards: Metadaten, Normdaten[edit | edit source]

  • Metadaten sind entscheidend (Beispiel)[6]
    • extrinsische Daten bzw. Metadaten sind entscheidend und müssen dokumentiert werden
    • automatisiert erfaßt:
      • Geodaten
      • Aufnahmedatum
      • Aufnahmezeit
    • durch Abgleich mit frei verfügbaren Informationen kann der Anlaß ermittelt werden
      • Veranstaltungskalender des ʻIolani-Palastes in Honolulu
      • wöchentliche Konzerte der „Royal Hawaiian Band“
  • Metadaten (Wikimedia Commons)
  • Georeferenzierung (z.B. HistoryPin)
    • Harry Maitey (1807-1872)
      • erster Hawaiier in Berlin, Preußen
      • 1824: Zeichnung von Johann Gottfried Schadow
      • 1827: Zuarbeit für ein „Sandwich-Wörterverzeichnis“ Wilhelm von Humboldts
      • begraben auf Nikolskoe (seit 1920 zu Berlin)
    • Orte
  • Digitale Arbeitsmittel: BibSonomy[7]

Bild und Text: Open Access, Linked Open Data[edit | edit source]

  • CC BY-SA
    • „Copyleft“
      • Einschränkungen werden genannt
      • alles andere ist erlaubt
    • CC BY-SA
      • Namensnennung (BY: Attribution)
      • Weitergabe unter gleichen Bedingungen (SA: ShareAlike)
    • Freie Lizenzen ermöglichen Nutzung
      • ohne Rückfragen
      • für andere Disziplinen
      • Vernetzung von Informationen
    • Beispiel:
      • Fotografie, Geologie, Geografie +Biologie
      • Fery, Hans und Gil Challet: „Hygrotus (Coelambus) nubilus (LECONTE, 1855) on Mauna Kea (Hawaii) – first record of the genus from the Pacific zoogeographical region (Coleoptera: Dytiscidae)“, Linzer Biologische Beiträge 47/2 (30.12.2015), S. 1303–1309, http://www.zobodat.at/pdf/LBB_0047_2_1303-1309.pdf.[8]
  • CC BY-SA … sichert Verfügbarkeit
    • … durch Verbreitung
      • Wikipedia / Wikimedia Commons
      • Internet Archive
    • … durch Nutzung
      • Metadaten
  • Bild- und Kontextanalyse
  • Der intrinsische Irrtum und Metadaten
    • bekanntes Bild
      • Intrinsischer Irrtum: Bildmotiv wird vom Betrachter als direkt ablesbar aufgefaßt
    • unbekanntes Bild
      • kein vergleichbares „Abbild“ im Gedächtnis
      • → Bildmotiv ist immer extrinsisch
    • Bildmotiv (Beschreibung, lokale und zeitliche Zuordnung, …)
      • gehört zu den Metadaten
    • Metadaten digitaler Bilder
      • können in Bilddatei gespeichert sein (Exif, IPTC, XMP, …)
  • Original und Bild im Museum
  1. Bilder sind wesentliche Informationsträger
    • verbinden weltweites Wissen über Sammlungsobjekte in den Museen (Originale)
    • Lineare Bezüge Original -> Bild abgelöst durch komplexe Netzwerkstrukturen (semantisches Netz) aus
      • Bildern
      • Daten
      • Metadaten
  2. Massenkopien (Buchdruck/Holzschnitt, Fotografie, digitale Kopie)
    • Rolle von Bildern für Gestaltung des „kulturellen Erbes“ wächst
  3. Verfügbarkeit, Verbreitung und Verwendung von Bildern
    • zunehmend beeinflusst von
      • den Möglichkeiten der digitalen Kopie
      • neuen Verteilungswegen in sozialen Netzwerken

Digitale Transformation: Objektraum und Informationsraum[edit | edit source]

  • Informationen über Objekte
    • Fröbelsterne aus Lauhala in Puna, Hawaiʻi
    • englisch:
      • Froebel star
      • Advent star
      • Danish star
      • German star
      • Nordic star
      • Pennsylvanian star
      • Polish star
      • Swedish star
      • Christmas star
    • Doppelrumpfkanu in der Kealakekua-Bucht mit Segeln aus Lauhala
  • Digitale Transformation: Forschung
    • Museumsversion 1.0 bis x.0
    • WWW (1.0)
      • Verlinkung
      • digitale Repräsentation
    • Web 2.0
      • neue Form der Kommunikation
      • Auflösung starrer Rollenzuweisungen als „Sender“ oder „Empfänger“
    • Semantic Web (3.0)
      • standardisierte und maschinenlesbare Daten
      • Verfügbarkeit nach der „Open Definition“ als „Linked Open Data“
    • Industrie 4.0
      • umfassende Digitalisierung
      • vernetzte Systeme
      • Informationstransparenz
      • dezentrale Entscheidungen
  • Informationsraum und digitaler Zwilling
    • Informationsraum
      • umfassend
      • standardisiert
      • komplex strukturiert
    • Zukunftssicherung des Museums
      • Veränderungen der Objekte
      • Zerstörung
  • Vernetztes Wissen
    • Einfache Verlinkung
      • Zitate
      • Fußnoten
      • Hypertext (WWW-Links)
      • Links+ Rückverweise (z.B. Wikipedia)
    • Komplexe Wissensstrukturen
      • Semantic Web
        • Ontologie CIDOC-CRM
        • Web Ontology Language (OWL)
      • ermöglichen
        • semantische Erschließung
        • digitale Geisteswissenschaften
  • Museumsknoten für den Informationsraum
  1. Vernetzung mit Normdaten und etablierten Daten- und Informationsstrukturen
      • ↷automatisierte Prüfung der Plausibilität (digital peer review)
      • ↷Vertrauensnetz
  2. Vernetzung mit anderen Gedächtnisorganisationen
      • Archivalien + Texte + Museumsobjekte
      • CIDOC-CRM als Referenzontologie
      • Forschungsdaten als Linked Open Data
  3. qualitativ weiter entwickelte Stufen der Digitalisierung
      • maschinenlesbare großer Datenbestände
      • freie Daten (Open Access)
  4. Digitalisierungsstrategie für alle Museumsaufgaben
  5. Museumsforschung → digitale Forschung
      • Methoden
      • Werkzeuge
      • digitale Geisteswissenschaften

Daten … Informationen … Wissen[edit | edit source]

  • Zukunft ist museal …
    • Wir wollen ein Kulturprojekt neuen Typs: Wir möchten nicht museal arbeiten, die Sammlungsgegenstände sollen vielmehr der Anlass für eine interdisziplinäre Herangehensweise sein. (Monika Grütters zum Humboldt-Forum: „Wir wollen ein Kulturprojekt neuen Typs“. Berliner Zeitung, 7.9.2017)
    • Museumsobjekte sind Forschungsobjekte
      • Voraussetzung: kontinuierliche Sammlungs- und Bestandspflege
      • Digitale Transformation erfordert Kollaboration und Vernetzung
  • Fazit
    • Dynamik des kulturellen Erbes erfordert
      • kollaborative Arbeitsgemeinschaften
        • Museen
        • Universitäten
        • Forschungseinrichtungen
      • freie und vernetzte Informationen
      • semantische und dynamische Vernetzung
      • Aufwertung generalistischer Ansätze
    • Vernetztes → spannendes Wissen in Museen
      • ↷ Orte vielfältiger Begegnungen
      • ↷ Kompetenzzentren im vielgestaltigen Informationstraum

Siehe auch[edit | edit source]

Einzelnachweise[edit | edit source]

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